Gelesen: Walter Krämer und Roland Kaehlbrandt – “Lexikon der schönen Wörter: Von anschmiegen bis zeitvergessen”

Bevor ich dieses Buch verschenke, wollte ich doch mal kurz hineinlesen, um sicher sein zu können, dass es wirklich so wunderschön ist, wie der Titel verheißt. Ist es.

Jedem der Wörter ist ein Zitat vorangestellt, in dem es verwendet wird, schon allein das macht Freude. Und die Auswahl erst! Die die Wörter zusammengetragen habenden Autoren schreiben in ihrem Vorwort: “Vielen Wörtern dieser Art liegt eine Geisteshaltung zugrunde, die wir heute leicht als altmodisch empfinden. Langsamkeit, Bedächtigkeit, Sorgfalt und auch ein gewisser Autoritarismus schwingen bei manchen von ihnen mit. Andrerseits sind sie eben sehr genau in ihren Nuancen – und sie sind eindeutig erfunden worden, sind also Sprachkunstwerke im Kleinen.” Hätte ich nicht schöner sagen können, darum habe ich zitiert.

Wer in seiner Welt eine ebenso sprachnärrische Person wie mich hat, macht der mit diesem Lexikon eine Freude. Ganz bestimmt.

Rundumversorgt

Nicht nur, dass mich die zuverlässigste Elfmetermelderin von allen auch mitten in der Nacht noch vom anstehenden Schußwechsel informiert, nein, sie sagt mir auch gleich, wem ich die Daumen drücken soll (Hopp Schwiiz!).

Steht eh außer Frage, dass sie selbstverständlich auf den Gewinner setzt, oder?

Danke, Frau R. aus M. Weiter so!

In der Mediathek: “Die Bestatterin”

Vorrede: Ich bin im deutschen Fernsehschaffen nicht allzu bewandert, habe aber, wie schon erwähnt, eine gewöhnlich gut unterrichtete Quelle, die meine Bildungslücken befüllt und außerdem durch die Nähe zu den Drehbuchautoren Kiefersauer und Liegl über Insiderwissen verfügt.

Von der habe ich erfahren, dass es eine neue Serie gibt, deren Hauptperson, die Physiotherapeutin Lisa Taubenbaum (Anna Fischer), wegen einer familiären Notlage aus Berlin in ihr Heimatdorf auf der Schwäbischen Alb zurückkehrt und auf Bestatterin mit Hang zur Mordermittlung umschult.

Hmmm. Ich habe mich getreulich durch die vier in der Mediathek verfügbaren Folgen geschaut und ich bin… ja, ich bin in meiner Ehre als Schwäbin gekränkt. Man verstehe mich nicht miß: die Fälle sind nicht uninteressant und im großen und ganzen plausibel, auch wenn Kommissar Zufall schon noch oft aushelfen muss, die sich entwickelnde Beziehung zwischen Bestatterin und Chef-Ermittler aus Stuttgart (Christoph Letkowski) recht nett, aber dass in diesem ganzen älblerischen Drecksdorf nicht einer der Darsteller und Innen schwäbisch schwätza duat, des duat weh. Richtig weh. Die größte Unverschämtheit ist der berlinerisch angehauchte Akzent der Hauptdarstellerin. Als ob ein paar Jahre weg von dahoim ausreichen würden, den schwäbischen Sprachduktus zu eliminieren! Pah. Fragt den Oettinger, den Späth, den Schäuble, den Kretschmann, den Özdemir… – an dem Dialekt beißen sich die besten Spracherzieher die Zähne aus. Des isch ned schee.

In bayerischen Regionalkrimis wird oft eine österreichische Klangfärbung mit eingemischt. Das ist auch nur mittelschön, aber halt wenigstens irgendwie O-Ton Süd. (Fragt Oma.) Fernsehmenschen: Wenn ihr das mit dem Schwäbischen nicht hinkriegt, nehmt halt eine andere schöne Landschaft zum Drehen. Zefix!

Für Nicht-Schwaben wahrscheinlich erträglicher als für mich.

Es war einmal…

Der Herr, der da gerade in Treckingsandalen, die jeden Treck dieses Planeten mindestens einmal durchwandert haben, über den Platz schlurft, hat die siebzig längst hinter sich gelassen, die achtzig möglicherweise auch, Zum offenen Langhaar mit Stirnband trägt er (seit mindestens Wochen) eine Vielzuvieletaschen-Bermudashorts in der Farbe unbestimmt-bis-alles-aber-irgendwie-Beige, die am nicht vorhandenen Hintern baumelt sowie, als Krönung, sein seinerzeit im ersten Job als Berufskleidung ausgegebenes Muscle-Shirt mit den viel zu tiefen Armausschnitten und der schwer verwaschenen Aufschrift “Pool Boy”.

Alt werden ist nichts für Feiglinge.

Eisacktaler Volkstheater im Kloster Neustift: “Shakespeares Sommernachtstraum”

Die langjährige flockblog-Leserschaft weiß, wie sehr ich auf Rothmüller-Reisen schwöre. Die Agenturinhaberin betreut und schippert Reisende persönlich, inklusive eines selbst inszenierten Kulturprogramms und Unterweisung für Zugereiste. Dieses Mal haben wir die Selbstfahrer-Option gewählt, sind am Freitagmorgen gen Brixen aufgebrochen und…

oder

Die langjährige flockblog-Leserschaft weiß, wie sehr ich ein paar Sommer lang meine Dreiländer-Theaterreisen genossen habe, Brixen (Südtirol), Braunau (Österreich) und Unterröhrenbach (Niederbayern) und wie traurig ich war, wie erst Italien, dann Österreich wegfiel. Könnt’ sich dieses Jahr ganz anders ausgehen, denn…

oder

Die langjährige flockblog-Leserschaft weiß, wie ernst ich meinen Bildungsauftrag als Chronistin und Magisterin der Theaterwissenschaften nehme und so arbeite ich an einer Schrift zur Werktreue am Beispiel von William Shakespeares “Sommernachtstraum” unter besonderer Berücksichtigung der Reimverpflichtung, welche…

oder

Was keiner weiß und trotzdem stimmt: gleich hinter der Engelsburg gehts teuflisch zu….

oder

Was Sie schon immer über die Fusion von Weinbau und Hotellerie wissen wollten und sich aus gutem Grund nicht zu fragen getraut haben…

Da! Kaum fange ich an, habe ich schon umpfzig Einleitungen und eine jede ist korrekt. Bringt mich aber meinem Ziel nicht näher, wo ich doch…

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Alles Quatsch! Einfach mittenhinein springen und gut is.

Das Eisacktaler Volkstheater (https://volkstheater.it/), eine Theatergemeinschaft von 33 Bühnen spielt alle zwei Jahre groß auf und nutzt den Sommer und allerschönste Locations, um sein Publikum mit Freilichttheater zu unterhalten. In diesem Jahr das ausgesprochen schöne Kloster Neustift, fangen wir doch hier schon einmal an mit dem ersten Hach! So schee scho.

Dort fand am Freitagabend die Premiere des Shakespear’schen Sommernachtstraums statt, in der Bearbeitung des angeblich (per Wahl) “lustigsten Österreichers” und Wieners Michael Niavarani und der sehr intensiven Nachbearbeitung des Regieduos Gabi Rothmüller und Alexander Liegl sowie der Schauspieltruppe. Erst einmal großes Kompliment an die im Hintergrund: Bühnenbildner und -bauer, Lichtdesign (großartig, diese Lichtsäulen. Und der Mond, hach!), Kostüm und Maske – Holla, die Waldfee, Herrschaften! Das war aber mal Hach im Quadrat!

Die im Lichte haben wie um ihr Leben gespielt – eine und ein jeder mit Elan und Spielfreude dabei, die quasi direkt aufs Publikum übersprangen. Mein Nebenmann ist fast erstickt vor Lachen und konnte sich bei den erfreulich schlüpfrigen Szenen vor Ah und Oh fast nicht mehr einkriegen. Nein, ich übertreibe nicht. Ich hab mit euch unten schon “Stayin’ Alive” mitgezählt, nur für den Fall, dass ich es gleich brauche, ah, ah, ah. Er hat aber knapp überlebt.

Ich habe wahnsinnig viel gelernt:

  1. Der Sommernachtstraum kann bequem in eineinhalb Stunden erzählt werden, ohne dass wesentliche Informationen fehlen.
  2. Wenn der Barde gewußt hätte, wie super die drauf sind, hätte er Oberons Obos (auf jedem verfügbaren Zweirad von Motorrad bis Roller) und Titanias Blumenkinder-Titis (Love, Peace, Imagine) wahrscheinlich eh gleich selbst erfunden.
  3. Außerdem bin ich sicher, dass er sich statt elisabethanischer Säusel-Ditties zur Lautenbegleitung auch lieber im italienischen Schlagerfundus bedient hätte – herrlitsch! Die ganze Truppe singend und tanzend und mindestens ebenso schön wie der Herr und seine Entourage am Ende des blogposts.
  4. Dass es zwei Pucks geben kann, habe ich schon einmal gesehen. Dass aber Pucks eine Regelarbeitszeit haben nach der sie in Rente geschickt werden (unter Verlust ihrer Privilegien wie Unsichtbarkeit) und die sich nicht vom Job lösen können, das war neu und unwahrscheinlich komisch. Vor allem der Senioren-Striptease (“mich sieht ja keiner”) und der anschließende Abtransport auf der Sackkarre – noch nie zuvor dagewesen und schon gar nicht bei Shakespeare. Das Publikum mußte kollektiv nach Taschentüchern suchen, um sich die Tränen aus den Augen zu wischen.
  5. Dass Oberon seine Titania zu überlisten sucht, indem er sie durch Zauberei dazu bringt, sich in einen dummen Mann zu verlieben, der in Eselsgestalt daherkommt, setze ich als bekannt voraus. Dass sich die Shakespeare-Experten in den Siebziger und Achtziger Jahren im wesentlichen über die Sexualsymbolik (jahaha, der Eselspenis) besabbert haben, erzähle ich für umsonst, weil man es mich seinerzeit zwangsgelehrt hat. Aber dass der Esel Schläfenlocken haben kann, die, wenn man an ihnen zieht, ihm die Ohren (auch einzeln) aufstellen. Das… das weiß ich erst seit Freitag in Neustift. Mei, war des nett. Außerdem, habe ich auch im Kloster gelernt, wer “enteselt” wird, muss auch den Schwanz abgeben. Wär das was gewesen für die Herren Experten damals, war auf jeden Fall was für meinen Nebenmann. Der hat sich am Schwanz fast verschluckt.
  6. Wissen ja eh alle, wenn der Esel wieder der Zettel ist, dann ist es bald vorbei. Die Waldläuferpaare finden sich, Elfenroyalty verträgt sich auch wieder, die Fusion drüben im Menschenreich kann stattfinden. Noch zwei große Sing- und Tanznummern, Ricchi E Poveris “Sarà perché ti amo” und “The Lion sleeps tonight”, den die ausgepowerte Mannschaft dann trotzdem als Zugabe noch einmal wiederholt und dann ist schon aus.

War das schön! Ich habe kaum Einzelheiten erwähnt und nicht die Schnürsenkel oder das lustige Schattenspiel hinter Titanias Lotterbett und niemandem im Team namentlich. Weil es nämlich eine sehr gelungene schwungvolle lustige Ensemble-Leistung geworden ist und das schließt ausdrücklich alle ein. Alle. Auch Regie. Der ich aber natürlich noch einmal separat für die “Jackerl mitbringen”-SMS danke. Ohne wärs zu kalt geworden. So war auch die Körpertemperatur optimal.

Ja, dankeschön. Molto, molto grazie, mutiple Hachs! Das hätte nicht schöner sein können. Ich wünsche, dass alle Vorstellungen so super laufen mögen wie die Premiere und mindestens so ausverkauft sind.

Neu auf Netflix: “Enola Holmes 3”

Alles wieder wie immer: viktorianisches England, komplizierte Kleidung, strenge Sitten und eine junge nunmehr Frau, die selbstbestimmt leben, einen Beruf ausüben und sich auch noch gegen ihren großen Bruder, den anerkannt Besten in der Branche, behaupten will. Außerdem heiraten. Geht das überhaupt? Den Namen und damit die Identität aufgeben?

Das Team um Millie Bobbie Brown findet, dass das geht und setzt die Geschichte recht glücklich um. Schöne Location, Malta, und lauter große Themen. Kolonialismus und Krieg. Ehre und Empire. Besitz und Bereicherung. Sowie, drunter geht es nicht, Schuld und Sūhne. Ja, doch, gutes Buch (Jack Thorne, Nancy Springer) und die Regie (Philip Barantini) setzt auf das, was das Publikum schon kennt und liebt. Kampfszenen in üppigen Gewändern und den geschickten Einsatz der vierten Wand. Geschickt, weil dieses Mal viel sparsamer und nicht so inflationär wie im zweiten Teil.

Das Holmes-Universum ist erweitert worden. Neben den bekannten Gesichtern Louis Partridge (Tewkesbury, love interest; mei, ist der Bub groß geworden), Henry Cavill (Sherlock, dieses Mal eher im Geiste dabei, weil gleich zu Beginn entführt), Helena Bonham Carter (Mama – gleich der erste Auftritt mutet an wie Jack Sparrows Wiederauferstehung, hach!), übt sich nun Himesh Patels Dr. Watson als väterlicher Freund (macht er gut) und Sharon Duncan-Brewster rampensaut als Professor Moriaty mit einem Grinsen, das den Joker neidisch machen würde.

Doch, sehr nett geworden. Selbst das Happy End ist erträglich.

Kann man anschauen.

Wiedergelesen: Terry Pratchett – “Monstrous Regiment” 

Das ist eines der wenigen Bücher, die bei jedem Wiederlesen noch besser werden.

Pratchett verhandelt (ohne Anspruch auf Vollzähligkeit): Religion, Politik, Krieg, Geschlecht und Gender, Jeanne d’Arc, die Magdalene Laundries*, Diplomatie, Patriarchat. Mir wird mit jedem Mal klarer, was für ein großer Humanist diese Mann war.

Lesen! Lesen! Lesen!

* Falls wem die “Magdalene Laundries” kein Begriff sind, Joni Mitchells Song ist ein guter Einstieg für weitere Recherche.

Auch wieder richtig

“Zehn Euro”, lamentiert eine von den alten Damen auf dem Bankerl am Harras und stellt durch mehrfache Wiederholung und gesteigerte Lautstärke sicher, dass es ja auch jeder hört. “Zehn Euro!” Worum es denn ginge, will eine der anderen Bankerl-Damen wissen. Ob sie es denn noch nicht gehört habe, antwortet das Klageweib. “Zehn Euro.” Das werde jetzt am Kölner Dom verlangt, als Eintritt für den Besuch der Kirche. “Nein, nein,” weiß es eine andere besser, “die verlangen zwölf Euro.” Die Auseinandersetzung, welche der beiden Recht habe, dauert fast meine ganze Zigarettenlänge und wird sehr vernehmlich geführt.

Zu Ende bringt es die vierte im Bunde mit der Frage, seit wann denn auch nur eine von den beiden in die Kirche ginge? Und, fährt sie den Sieg ein, noch dazu bei den Preißn? Ha?